Fastenbrechen“

Es heißt ja, Fahrrad­fahren ver­lerne man nie. Scheint beim Musizieren ähn­lich zu sein: Sin­gen, Cel­lo, Baß fühlen sich nach kurz­er Zeit wieder sehr famil­iär an. Ich habe ja tat­säch­lich das Cel­lo über ein Jahr gar nicht aus dem Kof­fer geholt. Die Fein­stim­mer ver­rostet, zwei Sait­en geris­sen. Was lei­det, ist die Kon­di­tion und die Kraft: beim Sin­gen fehlt mir oben eine kleine Terz, beim Cel­lo fällt mir nach ein­er Vier­tel­stunde inten­siv­en Spiels fast der Arm ab. Die Koor­di­na­tion linke Hand/rechte Hand, die Into­na­tion, die Bogenkon­trolle, das alles geht rel­a­tiv schnell wieder auf 90%+ des zulet­zt erre­icht­en Standes.

Proben

Bei den Proben heißt es vor allem die richtige Bal­ance find­en zwis­chen dem der Musik angemesse­nen Aus­druck und Haushal­ten mit der Kraft. Ein Proben­tag für eine Dreivier­tel­stunde Draußen-Pro­gramm und über eine Stunde Drinne-Pro­gramm, das ist sportlich. Für mich ist es eine musikalisch und per­sön­lich sehr inten­sive Reise in die Ver­gan­gen­heit, in ein anderes Leben, in die Zukun­ft, ich weiß es nicht.

Unser Programm

Das Draußen-Pro­gramm ist von Nor­ma Bek. Meine Instru­mente passen nicht so recht nach draußen, daher ist Per­cus­sion ange­sagt bei den Songs, bei denen ich nicht Lead singe (Kiss von Prince, Bad von Michael Jack­son, If you want a lover von Leonard Cohen). Bei der Probe noch aller­hand mit Mouth- und Bodyper­cus­sion exper­i­men­tiert, was sich gar nicht schlecht ange­fühlt hat, aber draußen mit PA und bei dem Druck, den das Gebläse, Ingos Twin Reverb und Rain­er am Megaphon auf­bauen, ist das zu fil­igran. Mit dem Schel­lenkranz komme ich durch, aber das ist ja wohl sowas von anstren­gend!

Viele hören dur­chaus affir­ma­tiv zu, man sieht wip­pende Füße, aber let­z­tendlich weiß kein­er so recht, welche Hal­tung man als Zuhör­er hier wohl ein­nehmen kann/will/darf/soll.

Drin­nen spie­len wir über­wiegend Stücke von Philipp, die Hälfte davon schon damals mit Chronique de notre vie in unserem Live-Pro­gramm. Die Sound­check-Zeit ist wesentlich zu kurz bemessen, aber ein län­ger­er Check hätte die Grund­prob­leme auch nicht gelöst: in einem großen und leicht über­akustis­chen Raum, in dem sich hun­derte von Men­schen unter­hal­ten, kann es keine zufrieden­stel­lende Mon­i­tor-Sit­u­a­tion geben, es sei denn, alle haben In-Ears. Mehr Pegel nach draußen zwingt die Leute dazu, lauter zu reden, was nach­haltig ver­hin­dert, daß die Musik über die Par­ty-Kulisse kommt. Akustis­che Instru­mente, teil­weise mit niedri­gen Pegeln wie Cel­lo und Nylon­sait­en­gi­tarre, ver­schär­fen bei­de Prob­lematiken.

Trotz­dem: mir macht es einen Höl­lenspaß. Ich genieße in vollen Zügen, spiele mich in der zweit­en Hälfte sog­ar regel­recht frei (= Flow, kein sich-selb­st-beobacht­en mehr, nur noch in-der-Musik-sein).

Inszenierung

Was sie natür­lich kön­nen am The­ater: insze­nieren. Ein wenig Glanz vom Kro­n­leuchter mit gefühlt 8,00 m Durchmess­er fällt auch auf die Musik­bühne ab. Der branchenüblich kom­plett in funk­tionalem Schwarz gehal­tene Bühen­raum, ein­schließlich der geöffneten Hin­ter­bühne wesentlich größer als der Saal, bietet eine dur­chaus bom­bastis­che Kulisse.

Material / Tonbetreuung

Immer wieder klasse: die materielle und per­son­elle Unter­stützung, die für das The­ater­volk Nor­mal­ität, für den freiberu­flichen Musik­er aber lux­u­riös ist. Eine riesige Probe­bühne, der Ton bringt Noten­pulte, Gitar­renamp, Mehrfach­steck­er, Pultleucht­en, mikro­foniert, klebt ab, mixt. Die Zeit für den Sound­check ist wie immer zu knapp bemessen, es bleibt bei einem Line-Check, und von ein­er Büh­nen­probe ist man weit ent­fer­nt.

Dienende Funktion der Musik

Wom­it sich der The­ater­musik­er, wie von mir schon oft bejam­mert (siehe z.B. hier, hier und hier), abfind­en muß: seine Musik ist oft bloß Mit­tel zum Zweck. (Eine der zahlre­ichen Aus­nah­men ist vorher vor dem Vorhang in ganz­er gnaden­los­er Länge als „szenis­ches Konz­ert“ zu hören, näm­lich Jürg Kien­berg­ers unun­tertr­e­f­flich­er Ver­sion von „Danke“ aus der Marthalers „Murx den Europäer“; hier ein Boot­leg auf YouTube) Das hat­te eigentlich anders sein sollen bei der konz­er­tan­ten Auf­führung von The­aterkom­po­si­tio­nen durch ein Orch­ester aus The­aterkom­pon­is­ten anläßlich des run­den Geburt­stages des Berlin­er The­atertr­e­f­fens. Eigentlich hat­te die The­ater­musik aus ihrer dienen­den Funk­tion in der Insze­nierung, die bisweilen nicht den Raum für einen eigen­ständi­gen Kom­mu­nika­tion­skanal „Musik“ läßt, gelöst wer­den sollen und in eigen­em Recht wahrnehm­bar gemacht, gespeist aus der Erken­nt­nis ein­er in let­zter Zeit gewach­se­nen Bedeu­tung der Büh­nen­musik für die The­aterkun­st.

Doch bei­de Auf­führungssi­t­u­a­tio­nen machen die Musik unen­trinnbar zum Diener — nur daß der Herr dies­mal nicht die drama­tis­che Insze­nierung, son­dern die Unter­hal­tung der Feiergäste ist. Draußen wer­den die in Bussen ank­om­menden Gäste mit Musik emp­fan­gen, und drin­nen wird zu mal sub­tilen, mal brachialen The­aterkom­po­si­tio­nen gegessen, getrunk­en und geschnat­tert. Die sich langsam bewe­gende Drehbühne mit der Theke in der Mitte, an sich eine schöne Idee, fördert die an der Musik Inter­essierten langsam von der Bühne weg und jene, denen die Musik Störung ihres Gesprächs ist, zur Bühne hin.

Die meis­ten mein­er Mit­stre­it­er ver­fü­gen auch über langjährige Erfahrung in der Unter­hal­tungsmusik, so daß der mas­sive Par­ty-Geräusch­pegel handw­erk­lich und emo­tion­al irgend­wie zu bewälti­gen ist. Aber wenn man sich selb­st nicht hört und in den Blind­flug-Modus schal­ten muß, kann einem das nur auf die Spiel­freude schla­gen. Prädikat also: aus­baufähig.

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