40 Münch­n­er Orch­ester­mit­glieder wollen aus »Gesund­heits­grün­den« – sprich: Strahlungsangst – nicht mit nach Japan fahren und dort spie­len. Und das, obwohl der Rhein­ländis­che TÜV in Tokyo gegenüber deutschen Ver­hält­nis­sen prak­tisch keine erhöht­en Strahlen­werte messen kon­nte, und obwohl Niko­laus Bach­ler, Inten­dant der Bay­erischen Staat­sop­er in München, beherzt nach Tokio reiste. “Er blieb unversehrt”, wie Chris­tine Lemke-Matwey im Tagesspiegel süff­isant anmerkt. Über 70% der Auftritte aus­ländis­ch­er Orch­ester in Tokyo seien nach dem Fukushi­ma-Unglück abge­sagt wor­den, unter anderem von Anna Netre­bko mit der New York­er Met.

Niko­laus Bach­ler wirbt um Ver­ständ­nis:

Wenn jemand seine Angst nicht über­winden kann, muss man das akzep­tieren. Zwang hil­ft da gar nicht.“ (Tagesspiegel)

Im Beitrag Ange­merkt!: Wider die Ver­nun­ft — Warum die Angst vor der Kernkraft nicht irra­tional ist hat­ten meine Gat­tin und ich geschrieben:

Der aktuelle Stre­it wird nicht nur mit Zahlen und Fak­ten geführt, son­dern auch mit Bildern und Geschicht­en – und das ist richtig so. […] Sind die Deutschen nun Öko­pi­oniere, die Atom­kraft­be­für­worter als unver­ant­wortliche Zock­er ent­lar­ven, oder darf man sie get­rost als Hys­terik­er und hasen­herzige Bedenken­träger beze­ich­nen? Wie dem auch sei, sie sind nicht ein­fach irra­tional. (Geist und Gehirn)

Damit sind allerd­ings nicht die zarten Gemüter gemeint, die sich weigern, an einem Ort aufzutreten, an dem einem wie über­all das eine oder andere zus­toßen kann, aber gewiß kein durch erhöhte Strahlung bed­ingtes Gesund­heit­srisiko beste­ht — Deutsch­land strahlt inten­siv­er. Muß man das akzep­tieren? Nein. Man darf diese Musik­er get­rost als Hys­terik­er beze­ich­nen. Es wird hier unter Beru­fung auf eine irra­tionale Furcht die Fak­ten­lage ignori­ert. Es gibt hier keine »Gesund­heits­gründe«, die gegen eine Reise nach Tokyo sprechen. Die Strahlungsangst ist unangemessen, eine Täuschung, genau wie beispiel­sweise die Furcht, auf ein­er dick­en Glass­cheibe über einen Abgrund zu gehen, um ein klas­sis­ches Beispiel zu zitieren. Es mag sein, daß man diese Furcht empfind­et, es mag sein, daß man sie nicht abstellen kann, aber deswe­gen bleibt sie unangemessen (Quelle). Ins­beson­dere bleibt unangemessen, sein Urteilen und Han­deln an ihr zu ori­en­tieren und sich etwa zu weigern, über die Scheibe zu gehen, zur Not mit schlot­tern­den Knien.

Muß das Gefühl ein­er­seits gegen den Ratio­nal­is­ten vertei­digt wer­den, der uns weis­machen will, daß nicht existiert, was wir nicht berech­nen kön­nen, auch so muß ander­er­seits auch der Ver­stand gegen den Emo­tion­al­is­ten vertei­digt wer­den, oder bess­er gesagt die Gefüh­le vor dem Emo­tionalen Fun­da­men­tal­is­ten geschützt. Während die Leugn­er emo­tionaler Ein­sicht mit­tler­weile sel­ten gewor­den sind und kopf­schüt­tel­nd ignori­ert wer­den, haben die Leugn­er des Ver­standes, der Wis­senschaft und des Argu­ments Hochkon­junk­tur und wer­den, siehe Inten­dant Bach­ler, sehr ernst genom­men. Josef Joffe sieht einen “Struk­tur­wan­del der Angst” am Werk:

Es verkehrt sich auch die moralis­che Beweis­last. Angst zeugt nicht von fehlen­der Tugend oder Ver­nun­ft, son­dern, im Gegen­teil, von großer Klugheit und richtiger Hal­tung. Wer trotz­dem nach Tokyo fliegt, muss tumb oder unsen­si­bel sein. Wer Mess­dat­en ins Feld führt (oder über die Risiken ver­schieden­er Energiefor­men räsoniert), muss ipso fac­to seel­isch abges­tumpft und moralisch zurück­ge­blieben sein. »Ich habe Angst« wird zum Ausweis sit­tlich­er Über­legen­heit. Warum dann noch debat­tieren? (ZEIT)

Diese Ver­schiebung spiegelt sich in ein­er Bedeu­tungsver­schiebung der auf Angst bezo­ge­nen Sprache der Tugend wieder. Die Ver­wen­dung von Begrif­f­en wie “Memme” oder “Fei­gling” ist nur noch im zwis­chen­men­schlichen und sozialen Bere­ich kon­sis­tent mit ein­er “sit­tlichen Über­legen­heit” des Sprech­ers, etwa beim Anprangern von man­gel­nder Zivil­courage oder Unaufrichtigkeit. Hinge­gen wird beispiel­sweise einem Kind, das seinen Spielka­m­er­aden als Fei­gling beze­ich­net, der sich nicht traut, über den Bach zu sprin­gen, Ver­ständ­nis nahegelegt, und und wenn ich die reise­un­willi­gen Musik­er Fei­glinge nenne, spricht das in den Augen Viel­er eher gegen mich als gegen die sen­si­blen Kün­stler.

Eine Abso­lut­set­zung des Gefühls und die damit ver­bun­dene Ver­schiebung in der Sprache der Tugend ist in allen Beruf­s­grup­pen, Regio­nen, sozialen Schicht­en und Regio­nen anzutr­e­f­fen, wenn auch nicht in allen Mileus in gle­ichem Aus­maß. Unter, sagen wir, Fußballern oder Dachdeck­ern sicher­lich eher weniger. Es geht um so gefüh­liger zu, je mehr Kun­st und Kul­tur, je mehr Bio, irgend­wie links, offen für Eso­terik und Psy­chother­a­pie, auch je mehr beru­flich abgesichert.

Beim klas­sis­chen Musik­er im öffentlichen Dienst ist möglicher­weise die heftig­ste Kom­bi­na­tion von Risiko­fak­toren anzutr­e­f­fen. Ein­er­seits das pro­fes­sionell aus­trainierte In-sich-hinein­horchen nicht nur im Dien­ste des innig­sten Aus­drucks, son­dern auch der opti­malen Pflege sub­til­ster Kör­per­funk­tio­nen, ander­er­seits (nach Ablauf der Probezeit) die Leben­szeit­stelle mit gew­erkschaftlich erkämpften Dien­st­plä­nen. Gar nicht so leicht, da noch argu­men­ta­tiv erre­ich­bar zu bleiben und die Angst zu über­winden.

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