In den Tex­ten der deutschsprachi­gen Musik, die die Charts ger­ade bevölk­ert, geht es, wie schon immer in der pop­ulären Musik, vor­wiegend um Liebe (ich lasse bei­seite etwa die eben­so alte Lust an Tabubruch und Härte z. B. bei Ramm­stein oder Bushi­do und konzen­triere mich ganz auf den uneingeschränkt TV-Soap-fähi­gen Indie-Rock-Pop-Elek­tro-Soul-Main­stream von Sil­ber­mond, Rosen­stolz, Ich + Ich, Xavier Naidoo etc.). Man ist verzweifelt auf der Suche oder nicht, lernt jeman­den ken­nen oder nicht, es klappt oder nicht, man ist miteinan­der glück­lich oder nicht, betrügt sich oder nicht, tren­nt sich oder nicht. Es gibt aber ein paar Auf­fäl­ligkeit­en, finde ich. Topoi, die momen­tan Hochkon­junk­tur haben.

Diese vier her­vorstechen­den Topoi mod­ern­er Main­stream-Pop-Song­texte (mehr? weniger? andere? com­ment in!) passen genau zu der musikalis­chen Analyse des CDU-Werbesongs von vor einem Monat unter dem Titel Die Geburt des Main­streams aus dem Geiste des Protests. Den Schluß dieses Post­ings para­phrasierend kann gesagt wer­den: Normierte Song­texte erzeu­gen und bestäti­gen normierte Gefüh­le, sie wick­eln uns ein in schönge­färbte Wat­te, in der wir uns wohlfühlen — und funk­tion­ieren, als Käufer und als Stim­mvieh. Hier sind sie also, die vier Säulen dieses Konzepts:

1. Gib’ mir ein kleines bißchen Sicher­heit
So heißt es in “Irgend­was bleibt” von Sil­ber­mond. Weit­er am sel­ben Ort:

Bitte schwör’, daß, wenn ich wiederkomm’
Alles noch beim Alten ist

Das ist Kon­ser­v­a­tivis­mus in Reinkul­tur, aber bei gle­ichzeit­igem Delegieren jed­er Ver­ant­wor­tung für den Erhalt des Guten und Schö­nen. Denn, wohlge­merkt, “wenn ich wiederkomm’” meint nicht, wenn ich wie jeden Tag von der Arbeit nach Hause komme. Son­dern wenn ich von irgendwelchen Eska­paden, die ich nicht ver­ant­worten möchte (siehe Nr. 2 unten), wieder zu Dir zurück­kehre. Bei “Ich bin ich” von Rosen­stolz heißt es etwa:

Bitte stell jet­zt keine Fra­gen
Denn ich würde nur bere­un
Hätt ich mich an Dir ver­bo­gen
War bes­timmt nicht immer treu
Doch ich hab Dich nie bet­ro­gen.

Das ist eine mys­tis­che Dialek­tik, nach der die Untreue — also die Weigerung, dem anderen Sicher­heit zu geben — gle­ich­wohl kein Betrug ist, der die Aufkündi­gung der gewährten Sicher­heit recht­fer­ti­gen würde. Bess­er nicht fra­gen, dann käme bloß her­aus, daß man sich die Sicher­heit gegen­seit­ig bloß vor­gaukelt. Damit man sich keine Sor­gen machen muß.

Der Wun­sch nach Sicher­heit wird oft in einen Zusam­men­hang mit dem Bedürf­nis nach Wärme gestellt und mit der eige­nen Ori­en­tierungslosigkeit und Ver­loren­heit ohne den Anderen (siehe Nr. 3 unten) kon­trastiert. So etwa in “Pflaster” von Ich + Ich:

Du bist der Kom­pass wenn ich mich ver­li­er’
Du legst dich zu mir wann immer ich frier’
Im tiefen Tal wenn ich dich rufe, bist du längst da

2. Es ist ein­fach so passiert
Daß die gepriesene bzw. einge­forderte Sicher­heit nur Schein ist, fol­gt unmit­tel­bar aus dem zweit­en Gemein­platz mod­ern­er Pop-Lyrik. Die Ver­ant­wor­tung für das eigene Tun kann lei­der nicht über­nom­men wer­den wegen der Schick­sal­haftigkeit des ganzen Lebens. Fast kein Song­text kommt ohne Wen­dun­gen wie “es ist ein­fach so passiert” oder “jet­zt mit Dir kann alles geschehen” aus, in denen die Liebe oder Küm­mer­for­men davon über einen kom­men, ohne daß man sich dage­gen wehren kann.

Gut, das ist im Arztro­man oder beim Schlager­text auch nicht anders, kön­nte man ein­wen­den. Aber in der klas­sis­chen Schnulze ist eher ein überirdis­ches, ewiges, über allem Schmutz der Dinge ste­hen­des Schick­sal gemeint, das wie die erhabene Naturge­walt die Liebe größer macht als alles, was einem zufäl­lig heute oder mor­gen ger­ade ein­fällt. Bei Ros­ten­stolz & Co. wer­den die Vorkomm­nisse in Liebes­din­gen durch ihre Schick­sal­haftigkeit stattdessen klein gemacht. Kann nix dafür. Ich bin eben so. Rosen­stolz:

Ich bin ich, das allein ist meine Schuld

In den hier besproch­enen Song­tex­ten wim­melt es dementsprechend nur so von Natur-Meta­phern, die dieses einem authen­tis­chen Befind­lichkeits-Naturzu­s­tand Aus­geliefert­sein versinnbildlichen sollen, etwa bei Ich + Ich in “Was wäre ich ohne Dich?”:

Ich weiss nicht wohin der Sturm uns weht
[…]
Was wäre ich ohne dich?
Ein Blatt im Wind allein

Beson­ders pen­e­trant wird die Weigerung, Ver­ant­wor­tung für sich zu übernehmen, im Sub-Topos (*harharhar*) “Ich weiß ja so wenig über mich”. Man macht sich schein­bar klein nach der Meth­ode “bin ja selb­st noch ein Kind, wie soll ich da die Ver­ant­wor­tung für Nach­wuchs übernehmen?” als Ali­bi für ein Leben als Trit­tbret­tfahrer. Wieder ein­mal “Ich bin ich” von Rosen­stolz:

Bin doch gestern erst gebor’n
Und seit Kurzem kann ich geh’n

Oder eben­falls Rosen­stolz in “Bist Du dabei”:

Hab die Hälfte nur begrif­f­en
Die andere Hälfte war zu schwach

3. Die Welt da draußen ist so kalt
Was es beim Schlager auch so nicht gibt, ist das Jam­mern über eine Welt ohne Sicher­heit und Wärme. Dieses Jam­mern hat nun nicht nur die Funk­tion, den Kon­trast zur Sicher­heit und Wärme der besun­genen Beziehung zu schär­fen. Es soll den Song­tex­ten auch den Anstrich von Kri­tik an beste­hen­den Ver­hält­nis­sen geben und sie so mit dem rev­o­lu­tionären Impe­tus des Rock der 60er und 70er assozi­ieren. Von dieser Ali­bi-Funk­tion, die weniger in den Tex­ten als vielmehr in der Musik instal­liert wird, han­delt der oben schon zitierte frühere Blo­gein­trag.

Gle­ich­wohl ist noch bei den gefühls­duselig­sten Bands das besorgte Erörtern von Umwelt-, Sozial- und Beziehungsmißstän­den, über die sich alle einig sind, eine Selb­stver­ständlichkeit. Kein Album kann erscheinen ohne einen Song zum Kli­mawan­del, der Kon­sumge­sellschaft, AIDS, Aus­län­der­feindlichkeit oder, wenn dem Man­age­ment kein zum Image der Band passendes und gut ver­mark­t­bares Küm­mer­nis ein­fällt, ein­fach einem “Die Welt da draußen ist so kalt”-Gesülze. In “Stadt” von Cas­san­dra Steen und Adel Taw­il wer­den, statt sich der schwieri­gen Entschei­dung für einen Miß­s­tand zu stellen, gle­ich ein halbes Dutzend in zwei Stro­phen angeris­sen:

Es ist so viel soviel zu viel
Über­all Reklame
Zuviel Brot und zuviel Spiel
Das Glück hat keinen Namen

Alle Straßen sind befahren
In den Herzen kalte Bilder
Kein­er kann Gedanken lesen
Das Kli­ma wird milder

Vol­lkom­men unspez­i­fisch, aber dafür mit der Kraft eines echt­en Nonkon­formis­ten Xavier Naidoo in “Alles kann bess­er wer­den”:

Ich will raus aus dieser Scheiße hier

4. Du kannst es schaf­fen
Das Protest-Gehabe darf natür­lich auf keinen Fall pes­simistisch oder gar depres­siv wirken, im Gegen­teil: die schlim­men Zustände (Nr. 3) kön­nen alle abgestellt wer­den, wenn man es nur wirk­lich will. Jed­er ist ein Held. Auch geht es nicht um die Abschaf­fung beste­hen­der Struk­turen, es wird hier um Gottes Willen nicht zum Umsturz aufgerufen! Nein, wenn man nur die richtige Ein­stel­lung hat, kann man alles schaf­fen — dieses The­ma liegt dem religiös ver­brämten Xavier Naidoo beson­ders am Herzen, etwa in “Alles kann bess­er wer­den”.

Was genau getan wer­den muß, um “es” zu schaf­fen, darüber schweigt man sich lieber aus. Mal wieder Rosen­stolz, “Willkom­men”:

Ihr bekommt uns nicht
Ihr ver­ste­ht doch nicht
Was wir wirk­lich wollen
Wer­den wir bereuen
Keine Helden sein
Grün­den kein Vere­in
Sagen gerne nein
Sagen dazu nein
[…]
Willkom­men in unsr­er Welt

Aber es geht ja auch ger­ade nicht darum, etwas zu tun, son­dern im Gegen­teil darum, sich so zu fühlen, als würde man durch das Hören der richti­gen Musik die Welt schon zu einem besseren Ort machen. Wenn man diese nicht raubkopiert hat, macht man die Welt damit immer­hin für die Band­mit­glieder und Pro­duzen­ten zu einem besseren Ort.

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